Definitiv handelte es sich um eine der best erfasstesten Winterorkanlagen, die seit Beginn der numerischen Modelle prognostiziert wurden. Bereits eine Woche vor dem 18. Januar 2007, am 11. Januar 2007 zeigte das deutsche GME-Modell erstmals ein Orkantief über Mitteleuropa, am folgenden Wochenende schlossen sich alle anderen Modelle, z.B. EZMWF,UKMO, GFS, NOGAPS, GEM, dem deutschen Modell an und rechneten mit geringen Variationen in der Zugbahn und der Intensität ein schweres Orkantief über Norddeutschland bzw. über der Nordsee zur Ostsee ziehend. Bemerkenswerterweise kam es über Europa nicht zu einer "rapid cyclogenesis", wie sie häufig mit Orkantiefs (z.B. Lothar 1999, Jeanett 2002, Quimburga 1972) geschieht, also keine Druckvertiefung um über 24hPa in 24h. Stattdessen blieb der Kerndruck des Orkans über viele Stunden hinweg verhältnismäßig stetig, das zugehörige Starkwindfeld damit bei annähernd gleichbleibenden Druckgradienten relativ zuverlässig von den Modellen zu erfassen.Da von GFS das meiste öffentlich verfügbare Datenmaterial vorhanden ist, konnte man gut und frühzeitig das Unwetterpotential von "Kyrill" nachvollziehen. Die 850hPa-Winde lagen über Tage hinweg bei 70-80Kn, in der Spitze auch bei 90Kn. Die Kaltfront wurde von Tag zu Tag niederschlagsintensiver gerechnet und wies jeweils starke konvektive Signale auf. Bemerkenswert war auch der Zusammenfall von Starkwindfeld mit den konvektiven Niederschlägen. Zwar fehlte im GFS-Modell die Labilität, was aber gerade im Winter nichts ungewöhnliches ist, wo die Mehrheit von konvektiven und gewittrigen Niederschlägen in Zusammenhang mit Winterstürmen an die Freisetzung potentieller Instabilität gekoppelt ist (vgl. z.B. 23.11.1981 über England).
Bis zum Termin änderte sich an der Modellprognose nur wenig. Das Starkwindfeld wurde geringfügig schwächer gerechnet, war jedoch zum Zeitpunkt des Kaltfrontdurchgangs immer noch sehr intensiv mit 70-80Kn in 850hPa. Ich persönlich rechnete jedoch erst an der Troglinie mit den schwersten Unwettern, nicht an der Kaltfront, die sich für mich viel intensiver als gedacht herausstellte. Aufgrund des breitflächigen Niederschlagssignals rechnete ich eher mit einem skaligen Regengebiet, was zwar auch vorhanden war, aber eben mit einer eingebetteten und gewittrigen Böenfrontlinie. Die sechsstündig gerechneten Niederschläge von 20-40mm fielen dadurch innerhalb von zwanzig bis sechzig Minuten.
Ebenfalls für mich überraschend war der sommerliche Charakter der Gewitterlinie mit Wolkenobergrenzentemperaturen unter -35°C, entsprechend hochreichenden Labilitätsflächen und in die Gewitterlinie eingebettete Bogenechos. Selbst im Sommer sind derartig "perfekte" Ausprägungen zumindest in unseren Breiten eher eine Seltenheit. Wenig überraschend waren die tatsächlich gemessenen Spitzenböen bei "Kyrill", siehe hierzu diese Tabellen (mit freundlicher Genehmigung von Meteomedia), sie bewegten sich im Rahmen der zu erwarteten Spitzenböen.
Erstaunlich waren vor allem die Orkanböen im Warmsektorbereich im Flachland des Erzgebirges und im Elbtal, die man aufgrund der ansich stabil geschichteten Warmluft so nicht vorhergesagt hätte. Jedoch wies bereits Tage vor Eintreffen des Orkans Jens Tischer aus Kamenz im Wetterzentrale-Forum auf die Gefahr von Orkanböen im Warmsektor hin, die ursächlich durch das hydraulische Absinken im Lee des Erzgebirges entstehen würden.
Im Warmsektor von Kyrill gab es auch im Donautal bereits erste orkanartige Sturmböen bis Orkanböen - hier war es neben lokalen hydraulischen Effekten vor allem die Kanalisierung im Donautal, die hohe Windgeschwindigkeiten im Flachland hervorrief. Der Schwerpunkt der Windböen lag hier im Raum St.Pölten, Krems, Tulln bis nach Wien, wo das Donautal eine enge Kurve beschreibt und sich dabei öffnet. Die Talverbreiterung führt zur Umwandlung potentieller in kinetischer Energie und damit einer Erhöhung der Windgeschwindigkeit.
Insgesamt muss man sagen, dass die Wetterdienste allgemein ausgezeichnete Arbeit geleistet haben. Durch frühzeitige Unwetterwarnungen wurden landesweit in den besonders betroffenen Gebieten die Schulen und Kindergärten geschlossen, Arbeitgeber gaben frei, die Bahn legte den öffentlichen Verkehr deutschlandweit still. Die Menschen blieben glücklicherweise vielfach Zuhause, sodass "nur" 13 Menschenleben in Deutschland insgesamt zu beklagen waren.
Zwar blieb die zunächst befürchtete Sturmflut an der Nordseeküste weitgehend aus, dennoch kann man nicht - wie in Medienberichten teilweise zu hören - von einer Überwarnerei seitens des staatlichen Wetterdienstes sprechen. Sowohl Deutscher Wetterdienst als auch Meteomedia leisteten beide hervorragende Arbeit, nicht zuletzt dank der bei dieser Orkanlage überaus verlässlichen und souveränen Modellleistung.
Quellenverzeichnis