Als Synoptiker hat kann man aus einer solchen visuellen Satellitenbildaufnahme relativ viel Information herauslesen, die über die bloße Standortbestimmung der Tiefdruckgebiete hinausgeht. Für uns in Mitteleuropa wetterbestimmend ist das gut sichtbare Tiefdruckgebiet über Skandinavien. Während der Warmfrontteil im Satellitenbild wegen der Erdkrümmung kaum noch sichtbar ist, zeichnet sich die Kaltfront als dickes, hochreichendes Wolkenband ab. Dahinter folgt ein weiteres, eher loses und konvektiv stark durchsetztes Wolkenband. Es handelt sich hier um eine Troglinie, bei der infolge starker Krümmung mächtig Hebung verursacht wird. Diese erzeugt zahlreiche, linienförmig angeordnete Konvektionsherde über Südostdeutschland. Über Norddeutschland ist eine weitere Zone mit erhöhter Konvektionstätigkeit erkennbar, die ebenfalls an eine Troglinie bzw. ein Vorticitymaximum gekoppelt ist. Wegen der Nähe zur See und dem Kaltluftgebiet in der Höhe zeigen die Sondenaufstiege für Norddeutschland wesentlich höhere Labilität als im Binnenland. Entsprechend sind die Radarechos hier viel stärker ausgeprägt.
Die weitgehend wolkenarme Zone über Frankreich weist auf den Aufbau eines Hochdruckgebietes hin, dessen Keilachse etwa über Westfrankreich und der Biskaya liegen sollte, da keilrückseitig wieder eine Bewölkungszunahme vorwiegend in der Höhe erfolgt (Warmluftadvektion).
Südöstlich von Island befindet sich ein alterndes Sturmtief, dessen Frontensystem um Mittag genau über den Britischen Inseln liegt. Der kurze Warmfrontbereich wird rasch von einer schmalen Kaltfront abgelöst. Dem Frontensystem sowie dem rückseitigen Kaltluftsektor überlagert ist ein dünnes, längliches und fasriges Wolkenband aus dem Cirrenniveau, das die Position der Jetstreamachse markiert. Hier werden sehr hohe Windgeschwindigkeiten in der Höhe erreicht. Der 12z-Sondenaufstieg von Castor Bay in Nordostirland vermeldet 105 Knoten in 200hPa.
An der Kaltfront hat sich im Bereich großer Luftmassengegensätze stromaufwärts eine langgestreckte Welle gebildet, dessen Warmfrontbereich aus einem kompakten , hochreichenden und sehr wetteraktiven Wolkenschild besteht. Teile der Warmfrontbewölkung an der Vorderkante werden nach Nordosten und Ostnordosten ausgeweht und knüpfen an die Jetcirren an. Der Wellenscheitel ist gut an dem antizyklonalen Wellenknick sichtbar, dem sich eine vergleichsweise horizontal begrenzte Kaltfront anschließt. Postfrontal hingegen ist die Bewölkung durchweg hochreichend und zellulär angeordnet. Die verbreitet weißen Wolkenoberflächen weisen auf ordentlich vorhandene Labilität mit hohen Wolkenobergrenzen hin. Es handelt sich also um typische Rückseitenbewölkung im Trog- bzw. Kaltluftsektor mit einem gut ausgeprägten Höhentrog.
Ich möchte mich der Satellitenbildaufnahme nun mit Hilfe der 6z+6h-Prognosekarten von GFS nähern. Ziel ist eine möglichst umfassende Interpretation der Satellitenbildstrukturen mit einer möglichst geringen Anzahl von Analysekarten.
1) Bodendruck + 850hPa äquivalentpotentielle Temperatur
Die Prognose zeigt die weit in den Alpenraum reichende Kaltfront des Skandinavienwirbels. Während die Kaltluft bodennah nur sehr seicht heranfließt, was man an dem ziemlich entschärften ThetaE-Gradient erkennen kann, sorgt die Trogachse mit der einströmenden Höhenkaltluft für die Labilisierung der Atmosphärenschichten hinter der Kaltfront. Besonders scharf ist der Bodendruckgradient in Norddeutschland, entsprechend ausgeprägt die Troglinie und damit verbundene Schauer. Das über Westfrankreich und Biskaya nachfolgende Bodenhoch zieht weiter ostwärts und schwächt die Konvektionstätigkeit über Deutschland zunehmend ab.
Anhand der Isobarenkrümmungen und ThetaE-Gradienten lassen sich die Fronten des Sturmtiefs bei Island und die Wellenbildung an der Kaltfront relativ zuverlässig einzeichnen. Der große Abstand zwischen der 1010er und 1005er Isobare auf dem Nordatlantik zeigt die Position des Wellenscheitels und späteren Tiefdruckkerns an, wenngleich dieser nur bei höherer Isobarenauflösung sichtbar sein dürfte.
2) 500hPa Geopotential + Temperatur
In der wichtigsten Höhenwetterkarte wird die Lage der Tröge und Keile deutlich, wobei ich Erstere hier mit einem schwarzen Strich gekennzeichnet habe. Ein steil gekrümmter Trog über Deutschland bestimmt derzeit weite Teile Deutschlands mit zahlreichen Schauern. Nachfolgend baut sich ein schwacher, aber ausgedehnter Höhenkeil über Westeuropa auf. Die für die Wellenentwicklung entscheidende Druckverteilung über dem Nordatlantik zeigt deutlich dichtere Isohypsenlinien als weiter stromabwärts. Hier befindet sich der Jetstream, pink markiert die Jetachse. Die blauen Kreise stehen jeweils für den rechten Einzug und linken Auszug des Jetstreams, gleichbedeutend mit Divergenz in der Höhe und Konvergenz am Boden. Analoges gilt für die roten Kreise im rechten Auszug und linken Einzug.
Betrachten wir die Einzugsregion nun genauer, so stellen wir fest, dass hier ein veritabler Kurzwellentrog vorhanden ist, dessen Trogvorderseite mit dem Hebungsgebiet im rechten Jeteinzug übereinstimmt. Das Absinkgebiet befindet sich trogrückseitig etwas abseits vom Jetstream und führt uns vor Augen, dass die Natur sich nicht immer an die schönen theoretischen Modelle hält, sondern eher mit der Krümung des Jets verschobene Verteilungen zeigt.
Der Wellenscheitel befindet sich knapp an der Vorderseite der Trogachse und ebenso knapp im rechten Jeteinzug, jedoch mit Schwerpunkt auf der Jetachse. Diese eher ungünstige Konstellation verhindert eine weitere Vertiefung der Welle, sodass diese, deren ausgeprägterer Warmfrontbereich nahe an der Jetachse liegt, weiter mit dem Jetstream "schwimmt", aber keine markante Zyklogenese erfährt.
Wir haben es also mit einer offenen Welle zu tun, die nur vorübergehend einen selbstständigen Tiefdruckkern aufweist, und langsam nordostwärts zieht.
Während also die Wellenentwicklung selbst für uns keine direkten Konsequenzen hat, wird dies das kleine Tief mit 1015hPa Kerndruck westlich der Iberischen Halbinsel haben. Im VIS-Satellitenbild ist es noch als wenig organisierte Wolkenmasse sichtbar, durch die Lage vorderseitig eines schwachen Troges östlich der Azoren gewinnt es aber langsam an Umfang und Organisation hinzu.
Morgen abend wird es als Bodentrog über Irland in das Wellensystem eingebunden,wobei im Warmsektor erheblich wärmere und auch feuchtere Luftmassen herangeführt werden. Die Warmluftzunge erreicht am Montag mittag Westdeutschland und zieht rasch nordostwärts. Im Süden verbleibt die kontinentale Luftmasse unter dem sich aufbauendem Hochdruckgebiet. Dort bleibt es also trocken, z.T. aber mit Hochnebel, im Nordwesten dicht bewölkt und vereinzelt etwas Nieselregen.
© Felix Welzenbach