Satellitenbildanalyse - 01.12.2006 - Vier Tiefdruckentwicklungen in der Detailstudie

Mit der abgeschlossenen Orkantiefentwicklung bei Island war das Kontingent an Atlantikzyklogenesen noch längst nicht erschöpft - im Gegenteil. In der Folge
resultierten aus dem hochreichenden Kaltluftvorstoß auf dem Nordatlantik weiter
Zyklogenesen, die verglichen mit dem Zentraltief völlig unterschiedliche Entwicklungsprozesse eingingen. Das nächste große Tiefdrucksystem, aus dem sich
ein weiteres Orkantief entwickeln und die tiefdruckaktiviste Zeit seit dem Hochwinter 2002 einleiten wird, steht bereits vor der Tür. Ich möchte dennoch - aus Zeitgründen etwas knapper - auf die erwähnten vier Zyklogenese-Typen eingehen, die sich zwischen Mittwoch, dem 29.11. und Freitag, dem 30.11.2006 ereignet haben.

1. Tiefdruckentwicklung - warm conveyor belt occlusion type

Links dargestellt ist das 300hPa-Geopotential sowie die Temperaturen in dieser Höhe - rot und blau skizziert sind der Verlauf von Polarfront- und Subtropenjet.Weiß markiert das sich im Reifestadium befindliche Bodentief. Die Lage des Tiefs ist herausragend günstig für eine rapid cyclogenesis der besonders intensiven Art, da hier zwei Jetstreams recht dicht beineinander liegen. Von Norden rauscht der Polarfrontjet heran, von Südwesten her nähert sich der Subtropenjet an. Im rechten Einzug des Polarfrontjets und gleichzeitig im linken Jetauszug des Subtropenjets liegt das Bodentief unter massiver Divergenz und Hebung. Gewöhnlich finden wir eher einen Jetstream mit einem Einzug oder Auszugsgebiet vor, in dessen Genuss das Bodentief kommt. In der ThetaE-Karte rechts habe ich das Frontensystem eingezeichnet. Es weist eine typische "T-Bone-"-Struktur auf - ein Zyklogenese-Modell, das von Shapiro und Keyser 1990 erstmals Erwähnung findet. In einer Studie von Schultz und Wernli, 2001 wurde diese besondere Struktur der Warmfront näher beschrieben - in der Synoptik lernt man etwas beim Einfluss von batroper Scherung darüber (hier hochbarokline Scherung!). Der Name rührt von der umgebogenen Warmfront in die Okklusion und die Ausbildung einer primären Warmfront nach Osten her. Sie ähnelt einem T-Bone-Steak - oder - wenn man es weniger schwülstig mag - einem Hammerkopf eines Eispickels. Sieht man einmal von diesem besonderen frontenverlauf ab, so sind es besonders die sehr hohen ThetaE-Werte im Warmsektor, die eine heftige Tiefdruckentwicklung im weiteren Verlauf vermuten lassen.

Es handelt sich hier um einen warm conveyor belt occlusion type wie bereits oben erwähnt, übersetzt warmes-Förderband-Okklusionstyp. Das warme Förderband ist eine aufsteigende Strömung relativ zum Frontensystem, das auf der warmen Seite des Jets von rund 600 hPa auf 300hPa aufsteigt und die typische kompakte und hochreichende Bewölkung einer baroklinen Welle(nblatts) erzeugt (baroclinic leaf).In diesem Fall entwickelt sich aus diesem baroklinen Blatt selbst die Okklusion ,d.h. die rückseitig entlang der Kaltfront vorstoßende Dry Intrusion stößt in das breite Wolkenfeld, aus dem sich die Okklusionsfront herausspiralisiert. Im Satellitenbild links ähnelt diese ganze Wolkenformation schön diesem Hammerkopf oder T-Bone aus der Theorie - ein wirklich lehrbuchhaftes Beispiel. Rechts im 500hPa-Feld + Bodendruck (und relative Topographie) sieht man die Lage des Bodentiefs klar vorderseitig des Höhentroges im am stärksten gekrümmten Bereich der Isohypsen. Die Zyklone profitiert also weiterhin von starker Hebung und vertieft sich weiter.

2. Tiefdruckentwicklung - instant occlusion process

Während das Sturmtief weiterhin auf ein Orkantief zusteuert, liegt die Kaltfront relativ parallel zur südwestlichen Höhenströmung und kommt nur langsam ostwärts voran. Im rechts blau eingekreisten Bereich sieht man, dass die Isobaren nicht mehr parallel zueinander verlaufen ,sondern sich der Abstand vergrößern. Dies ist recht häufig ein Indiz für eine Sekundärentwicklung in Form einer Welle. , die sich an der Kaltfront ausprägt. Mit der Lage vorderseitig des Höhentroges herrscht im blauen Bereich, dem Wellenscheitel, auch Hebung.
Im kalten Bereich rückseitig der Kaltfront ist kompaktes Wolkenfeld mit verhältnismäßig tiefen Wolkenobergrenzen zu sehen. Es weist auf einen instant-occlusion-Prozess hin : Demzufolge ist dieses Wolkenfeld der separat mitschwimmende Cloudhead, der später an die Kaltfrontwelle andockt und sich zur Okklusionsfront herausspiralisiert.

3. Tiefdruckentwicklung - Kommazyklogenese

Im dritten Satellitenbild sieht man das Orkantief bei island, das einen Kerndruck von rund 945hPa aufweist. Nordwestlich von Schottland ist die Kaltfront klar antizyklonal gekrümmt, es handelt sich also um eine Kaltfrontwelle mit einem warmaktiven Teil über Schottland und Nordirland und der weiteren Kaltfront südwestlich von Irland. Der erwähnte Cloudhead hat sich der Welle weiter genähert. Stromaufwärts - grün markiert - folgt ein hochreichend konvektives Wolkenfeld nach. Wenn man in die 500hPa-Geopotential-Karte schaut, sieht man an dieser Stelle ein nicht abgeschlossenes Bodentief, das sehr nahe an der Trogachse gelegen ist.

4. Tiefdruckentwicklung - Komma

Links : weiß eingekreist das inzwischen abgeschlossene Bodentief aus der Kaltfrontwelle, grün eingekreist das Kommatief, das ein voll entwickeltes Frontensystem aufweist und auch im ThetaE-Feld (nicht gezeigt) sichtbar ist. Die Okklusion reicht hier bis Nordirland, die Pseudowarmfront geht über Nordirland bis nach Schottland hinweg, die Pseudokaltfront ist ein dünner Strich konvektiver Bewölkung im Satellitenbild und überquert hier Südirland und reicht bis in das Seegebiet vor dem Ärmelkanal hinaus. Wegen der südwestlichen Höhenströmung verliert diese Kaltfront aber rasch an Wirksamkeit (kaum horizontale Luftmassengegensätze).

Die vierte Tiefdruckentwicklung ist sozusagen die "Light"-Ausgabe seines Vorgängers - ein Komma. Es liegt wie der Vorgänger direkt an der Trogachse, weist aber im Gegensatz zu diesem keine Differenzen der relativen Topographie auf, d.h. es gibt keine Warm- und Kaltluftadvektion, die die Schichtdicke zwischen 500 und 1000hPa vergrößern oder verkleinern. Nein, die Topographie ändert sich nicht, es wird nur kältere Luft in der Höhe advehiert, die zur Ausbildung einer markanten Troglinie führt. Im weiteren Verlauf wird das von Neufundland kommende Sturmtief das Komma rasch ostwärts drücken und dabei abschwächen (Warmfront stabilisiert Kaltsektor).

5. Ausblick

Im Satellitenbild von heute mittag sind alle vier Zyklone sowie zwei nachfolgende Zyklonen erkennbar. Von Ost nach West :

-Das aus der Kaltfrontwelle entstandene Randtief in der Norwegischen See.
-Das mehrmals okkludierte Orkantief bei Island.
-Das Kommatief vor Irland
-Das Komma weiter stromaufwärts.
-Die neue Orkanzyklogenese östlich von Neufundland
-Ein an der extremen Luftmassengrenze über den USA entstandene Bodentief, das der Frontalzone bzw. der extremen Höhenströmung von 180Kn und mehr nach Osten folgt.

In der NH-Karte für heute mittag habe ich alle besagten Zyklonen eingerahmt - man sieht also, dass mächtig was los ist.
Damit es nicht den Rahmen dieser Betrachtung sprengt, ein kurzer Text-Ausblick. Nach GFS 12z wird das Neufundlandtief morgen nacht einen Kerndruck von 954hPa nordwestlich von Irland erreichen und das Frontensystem mit heftigen Niederschlägen und Orkanböen die britischen Inseln überqueren. Die herum gebogene Okklusionsfront bildet sich zu einer Troglinie aus und passiert die Britischen Inseln am Sonntag abend mit heftigen Schauern und mit der Gefahr schwerer Orkanböen auch im Flachland.

Das ehemals über den USA gelegene Tief erreicht am Dienstag die Britischen Inseln mit einem Kerndruck von rund 965hPa. Es soll nach diesem Lauf zur Wochenmitte hin ganz Deutschland mit seiner Kaltfront überqueren, danach wartet dann allerdings ein neues Orkantief auf.

Quellen :

http://www.wetter3.de
http://oiswww.eumetsat.org/SDDI/cgi/listImages.pl?m=bnw
http://www.zamg.ac.at/docu/Manual/SatManu/main.htm (Conceptual Models)
http://www.wetterzentrale.de
http://aviationweather.gov/obs/sat/intl/

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© Felix Welzenbach