Der vorläufige Höhepunkt des "Hochwinters" 2006/2007 kann eindrucksvoll anhand der folgenden Satellitenbilder und Modellkarten beschrieben werden. Schwerpunkt dieser Analyse wird die Biskayatiefentwicklung sein - kurz gehe ich außerdem auf die Föhnentwicklung im Alpenraum, speziell im Wipptal, ein.
Das Satellitenbild von der Freien Universität Berlin zeigt um 07.00 UTC einen gut ausgeprägten Tiefdruckwirbel über der Biskaya, dessen eingeringelte Okklusion besonders im Kernbereich hochreichend und kompakte Bewölkung aufweist. Die zugehörige Warmfront zerfällt mangels Hebungsprozesse über den Britischen Inseln und geht in einen kurzen Kaltfrontteil über der nördlichen Nordsee über. Die Kaltfront reicht von Westfrankreich über den Golf von Valencia bis nach Marokko. Dabei fällt eine von südlich der Pyrenäen bis zur marokkanisch-algerischen Küste reichende gerippte Form der Kaltfront auf. Nach einem schmalen Subsidenzbereich hinter der Kaltfront nimmt die Bewölkung im Bereich eines Kommas über Südspanien erneut zu und ist dabei konvektiv durchsetzt bzw. über dem Meer durchweg konvektiv ausgeprägt. Die Lage des Jetstreams wird durch den östlich der Kaltfront vorgelagerten nordwärts gerichteten Jetbändern deutlich. Sie verlaufen, teilweise kompakt, parallel zur Kaltfront und weisen nach Osten hin eine Südost-Nordwest orientierte Achse auf.
Während über Nord- und Mitteldeutschland überwiegend hohe Wolkenfelder ziehen, befindet sich das restliche Mitteleuropa sowie der Alpenraum weitgehend unter wolkenfreiem Himmel, wenngleich regionale Nebel- und Hochnebelfelder in diesem Satellitenbild nur schwer erkennbar sind, z.B. in Südtirol, Trentino oder teilweise im ostbayrischen Donautal und im Wiener Becken.
Im östlichen Mittelmeerraum zieht ein weitgehend okkludiertes Bodentief seine Kreise. Es ist in einen ausgedehnten Höhentrog eingebettet, welcher die Atmosphärenschichtungen über dem verhältnismäßig warmen Mittelmeer deutlich labilisiert. Westlich von Zypern hat sich dabei ein v-förmiger Gewitterkomplex (Mesoskaliges konvektives System) gebildet. Die Kaltfront ist - außerhalb der Höhenkaltluft gelegen - weitgehend inaktiv.
Über dem Nordatlantik hat sich ein mächtiges Sturmtief eingeringelt und transportiert dabei ThetaE-Werte von über 35°C nordwärts. Am Okklusionspunkt schließt sich eine ausgedehnte Welle an, die ThetaE-Werte über 50°C beinhaltet. Mit ihr wird in den kommenden Stunden eine typische "T-Bone"-Zyklogenese einhergehen, da in ihrer Region Polarfrontjet und Subtropenjet zusammenlaufen. Die Kopplung beider Jetsysteme mit einer günstigen "left-exit"-Konfiguration, unter der das Bodentief zu liegen kommt, führt zur Ausbildung einer doppelten Warmfront und zu einer kleinräumigen, aber intensiven Sturmtiefentwicklung.
Das zugehörige RGB-Composit von EUMETSAT zeigt mitteltroposphärische Luft in Brauntönen und stratosphärische Luft in Pinktönen. Daraus lassen sich zwei kleinräumige Luftströme im Bereich des Biskayatiefs analysieren. Einmal einen schmalen mitteltroposphärischen Luftstrom, der von Schottland über Irland nach Südosten zieht und sich westlich von Portugal verbreitert. Er überdeckt dabei weite Bereiche der hochreichenden Feuchtkonvektion des Kommas sowie der Kaltfront. Die advehierte Luft ist sehr trocken und führt zu einer gut durchmischten Schicht in der mittleren Troposphäre. Da die Luftmasse besonders über Südportugal sowie in dessen Seegebiet in der Grenzschicht sehr feucht ist, bildet sich potentielle Instabilität heraus, die durch Hebungsprozesse freigesetzt werden kann. Entsprechende Blitzkarten sowie die hochreichend zelluläre Bewölkung im Satellitenbild belegen, dass dies bereits der Fall ist.
Entlang der Kaltfront treten zwar in den "gerippten" Zellen schauerartige Niederschläge auf. Wegen zunehmend obertroposphärischen Absinken und mangelnder Grenzschichtfeuchte sind diese jedoch nicht mehr elektrifiziert. Hinsichtlich der "Rippenform" habe ich eine Theorie vorzuweisen, die sich eventuell auch auf die beobachteten Rippen bei Orkantief Kyrill am 18.Jänner 2007 anwenden lässt. Der Höhenjet verläuft nämlich in beiden Fällen normal zur Verlagerung der Kaltfront bzw. zur Achse der Kaltluftadvektion. Dies könnte bei ausreichend hoher Feuchtkonvektion zur Bildung von Schwerewellen führen, durch die sich die parallel angeordneten Zellstrukturen entlang der Kaltfront entwickelt haben.
Ein weiterer Luftstrom schließt direkt südlich des mitteltroposphärischen Luftstroms an und ist mit stratosphärischer Luft angereichert. Dieser steigt unmittelbar entlang der Okklusionsfront bis in den Kern der Bodenzyklone ab. Entsprechende IPV-Karten bestätigen den Transport energiereicher Luft, welche die Zyklone zunächst noch am Leben erhält bzw. gegen den Auffüllungsprozess steuert.
Die Großwetterlage in den Modellkarten von www.wetter3.de :
Die Höhenwetterkarte zeigt eine stark verwellte Höhenströmung über dem Nordatlantik und Europa , mit einem fast abgeschnürtem Höhentrog über der Biskaya mit abgeschlossenem Höhentief sowie einem aus mehreren Höhentiefs bestehendem Höhentrog über Südosteuropa. Daraus resultiert ein omegaähnlicher Höhenkeil, dessen Achse von Korsika über Westösterreich bis zu den Busen der Ostsee reicht. Die stark gekrümmte Trogachse des Biskayatiefs deutet klar an, dass sich die zugehörige Kaltfront davor befindet, d.h. im Bereich zyklonaler Vorticityadvektion. Das nachfolgende Komma ist an eine weitere Trogachse gekoppelt.
Die Pyrenäen befinden sich dabei in einer starken südlichen Anströmung, was zu Föhn auf der Nordseite über Südfrankreich führt. Westösterreich ist leicht keilvorderseitig gelegen, das Wipptal dabei in einer schwachen nordöstlichen Anströmung in der Höhe.
Die 850hPa-ThetaE-Karte wurde mit den wichtigsten Frontensystemen versehen. Dabei fallen zwei Aspekte auf. Einmal ist der Kaltfront des Biskayatiefs ein nicht abgeschlossener Tiefdruckkern über dem westlichen Mittelmeerraum vorgelagert. Dieser soll sich im weiteren Verlauf nur unwesentlich vertiefen, führt dann aber zu kräftigen Niederschlägen über Südfrankreich. Hier wäre auch eine andere Einzeichnung mit einer östlicher verlaufenden Bodenkaltfront mit Okklusionspunkt am 1011hPa-Tiefkern denkbar, wenn nicht wahrscheinlicher als die umgesetzte Variante.
Zum Anderen befindet sich über dem Nordatlantik eine doppelte Frontalzone, mit schwachen Wellentiefs auf der kalten Seite der Jetachse sowie mächtigem Warmluftsektor auf der warmen Seite der Frontalzone. Hier wird sich im weiteren Verlauf ein Tiefdruckkern herausfiltern, der zur angesprochenen "T-Bone"-Entwicklung führt. Die doppelte Frontalzone ist dafür typisch.
Schließlich ein Blick auf die 850hPa-Temperaturkarte. Hier wird das Ausmaß der Warmluftadvektion vorderseitig des Biskayatiefs ersichtlich. Die Temperaturen steigen dabei auf über 10°C über Benelux an. Föhn auf der Nordseite der quer zur Südströmung verlaufenden Mittelgebirge über Belgien und Westdeutschland können örtlich zu Temperaturen bis an die 20°C-Marke führen. Nicht ausgeschlossen ist außerdem, dass diese Schwelle überschritten wird. Temperaturrekorde sind also denkbar. Während die Warmluft um den Alpenbogen herum ins Alpenvorland geführt wird, strömt bodennah kalte Luft auf der Keilvorderseite in die Poebene. Daraus resultiert ein starkes Temperatur- und hydrostatisches Druckgefälle ins nördliche Alpenvorland. Trotz nordöstlicher Höhenströmung bis etwa 700hPa herab (siehe Innsbruck-3z-Sondenaufstieg) konnte sich eine Südströmung über die Alpen hinweg aufbauen, die sich allerdings auf unterhalb etwa 2,2km beschränkt. Der Sattelberg (2108m) am Brenner gelegen meldete zwischen 22 UTC und 5 UTC noch Südföhn, seitdem hat sich der Südwind jedoch stark auf 1,7m/s abgeschwächt und variiert inzwischen leicht in der Windrichtung, während er zuvor konstant wehte. In Ellbögen weht seit Mitternacht seichter Südföhn, der im Inntal westlich von Innsbruck seit etwa 3 UTC schwachen, ab 9 UTC stärkeren vorföhnigen Westwind erzeugt hat.
Ob und wann der seichte Südföhn im weiteren Tagesverlauf in Innsbruck durchbricht, dazu mehr in einer Extra-Analyse in den nächsten Tagen.
© Felix Welzenbach