Die folgende Analyse basiert auf dem GFS-0z-Lauf des 26. Januars 2007. Jedoch haben auch die anderen =z-Läufe eine sehr ähnliche Entwicklung in petto. Daher soll auf einen aufwändigen Modellvergleich an dieser Stelle verzichtet werden. Demonstriert wird eine kräftige Tiefdruckentwicklung in Nordsee und Nordmeer, die mit der Ausbildung zweier Jetstreams einhergeht. Gewöhnlich handelt es sich dabei um Polarfront- und Subtropenjet, was zur Entwicklung einer "T-Bone-Zyklogenese" führt. Hier jedoch sind es zwei Polarfrontjets bzw. Arktik- und Polarfrontjet, die beteiligt sind.
Satellitenbild vom 26. Januar 2007, 06.15 UTC
Ein kräftiges blockierendes Hochdruckgebiet lenkt die Frontalzone von Neufundland kommend weit nach Norden ab, ehe sie über der Nordee wieder nach Süden geführt wird. Eine intensive Tiefdruckentwicklung findet derzeit südlich der nordamerikanischen Ostküste statt und manifestiert sich vor allem durch sehr konvektiv ausgeprägte Wolkensysteme mit kaltaktiver Okklusion. In verlängerter Achse der Davisstraße strömt Kaltluft südwärts. Eine langgestreckte Luftmassengrenze mit Warfmront trennt die deutlich kältere Luft von milder, um das Hoch herumgeführter Luft. Im markierten Bereich sind die Luftmassengegensätze am Größten - hier kommt es zur angesprochenen T-Bone-Zyklogenese, allerdings erst keilvorderseitig.
Weite Teile Europas werden von Kaltluftzufuhr kontinentalarktischer Luftmassen geprägt, die daher sehr trocken sind und verbreitet zur Wolkenauflösung oder niedrigem Stratus und Stratocumulus über Europa geführt haben. Die Frontalzone liegt sehr weit südlich und verläuft von Nordafrika über dem Schwarzen Meer ostwärts.
GFS-0z-Prognosekarten, 850hPa-ThetaE, Bodendruck + 500hPa Geopotential,Temperatur; t+6h
Die Prognosekarte zum Termin zeigt eine langgestreckte Okklusion über Skandinavien, die über der Nordsee einen schmalen Warmsektor aufweist. Die zugehörige Kaltfront geht über Island in eine schwache, offene Welle über. Keilrückseitig zeigt sich die erwähnte Luftmassengrenze durch abwechselnd Warm- und Kaltfront, wobei die Warmluftadvektion klar überwiegt.
In 500hPa sieht man die Kopplung des Bodentiefs südöstlich von Neufundland (1003hPa) mit einer Kurzwellentrogachse. Es liegt trogvorderseitig und damit unter Hebungsantrieb durch zyklonale Vorticityadvektion. Der massive Kaltluftvorstoß über Europa ist an einen kurzwelligen, aber hoch amplifizierten Trogvorstoß gekoppelt. Ein Kurzwellenkeil über den Britischen Inseln bis nach Nordostdeutschland sorgt vor dem neuen Frontensystem über der Nordsee vorübergehend für störungsfreie Witterung, während im Alpenraum noch ein schwacher Höhentrog wetterwirksam ist.
GFS-0z-Prognosekarten, 850hPa-ThetaE, Bodendruck + 500hPa Geopotential,Temperatur; t+42h
Einige Stunden später hat sich die Amplitude der Kurzwelle südöstlich von Neufundland zwar deutlich verringert, die Krümmung hat sich jedoch erheblich intensiviert und der Kurzwellentrog liegt nun bei Island. Dazu hat sich ein kleinräumiges Bodentief mit etwa 998hPa Kerndruck ausgebildet. Es liegt nun auf der Keilvorderseite, aber weit genug stromabwärts von der Keilachse entfernt, um nicht mehr so stark gegen die antizyklonale Vorticityadvektion ansteuern zu müssen. Zusätzlich zyklogenesefördernd sind neben hochreichender Schichtdickenadvektion auch die positive Erdvorticityadvektion, die es bei seiner Südwärtsverlagerung erfährt.
GFS-0z-Prognosekarten, 850hPa-ThetaE, Bodendruck + 500hPa Geopotential,Temperatur; t+54h
Nach zwölf Stunden hat sich das System deutlich ausgedehnt und weist nun die typische T-Bone-Frontenstruktur mit einer verlängerten, 1. Warmfront bis nach Ostdeutschland, einem rückwärts anschließenden Okklusionsfrontteil, einer kurzen 2.Warmfront über der Nordsee sowie einer kurzen Kaltfront auf, welche in das stromaufwärts gelegene Frontensystem bei Grönland übergeht. Das Bodentief liegt dabei knapp vor der Trogachse, erfährt daher zwar noch Hebungsantrieb, aber vertieft sich nur noch um wenige Hektopascal, da die Achse Bodentief-Höhentief schon fast senkrecht ist.
In 300hPa sieht man einen 1. Polarfront von Nordamerika kommend, dann nach Grönland nordwärts abbiegend und östlich von Island nach Südosten sich verlagernd. Über Südnorwegen liegt das kräftige Bodentief, das den westlichen Polarfrontjet von einem östlichen Polarfrontjet trennt. Der Subtropenjet verläuft über Nordafrika und Türkei. Anhand der eingezeichneten Jetachsen ist ersichtlich, dass das Bodentief im rechten Einzugsgebiet des 2. Polarfrontjets und im linken Auszugsgebiet des 1. Polarfrontjets liegt - beides günstig für Hebungsantrieb. Das Bodentief ist allerdings etwas von der Jetachse entfernt und die Kopplung der Jets suboptimal.
GFS-0z-Prognosekarten, 850hPa-ThetaE, Bodendruck + 500hPa Geopotential,Temperatur; t+66h
In der abschließenden Karte bleibt die T-Bone-Struktur des Frontensystems erhalten, die zugehörigen 850er Winde erreichen im Warmsektor bis zu 70Kn, werden aber aufgrund der damit verbundenen stabilen Schichtung nicht bis zum Boden herabtransportiert. Für das Erzgebirge wären dennoch Orkanböen und massive Schneeverwehungen in den Hochlagen denkbar. Der Höhentrog liegt kaltseitig des Frontensystems, sodass dessen konvektiver Charakter marginal wäre. Aufgrund der Lage der Keilachse und der meridionalen Höhenströmung wäre mit neuerlicher Kaltluftadvektion vom Nordmeer zu rechnen, jedoch nicht mehr so markant wie zuvor, da längere Wege über dem Meer zurückgelegt würden.
© Felix Welzenbach